Die Eisenbahn und ihre Geschichte

Ein persönlicher Kommentar von Bernd Michaelsen :

In der Betrachtung der Angebote der verschiedenen Modellbahnhersteller wurde im Märklin-Insider-Forum unlängst diskutiert, ob es wirklich nötig und gut ist, wenn zum Beispiel Liliput wieder ein grosses Angebot von Militärmodellen aus dem zweiten Weltkrieg im Angebot hat.

Die Generation der heutigen Rentner, von denen (wie ich) nicht wenige Modellbahner sind, hat zum Teil noch das Ende des 2. Weltkrieges miterlebt. Und die Kinder ohne Militaria im Kinderzimmer aufgezogen.

Da war die Modellbahn sozusagen wertfrei. Die BR89 raste auf ihrem Oval und vermittelte Träume, die in die Richtung Freiheit , Reisen und Ungebundenheit gingen.

Nun war aber Eisenbahn in ihrer Geschichte niemals etwas anderes als Mittel zum Zweck. Im besten Falle waren es kommerzielle Interessen, leider aber allzu oft auch politische.

Eine unschuldige Eisenbahn gab es nie .  Eine mißbrauchte  schon !

Die Eisenbahn im Lied

Auf einer seiner CDs hat Reinhard Mey mit seiner Eisenbahn-Ballade eine sehr einfühlsame Interpretation der Eisenbahn im Laufe unserer Geschichte gegeben.
Ich hoffe, dass er gegen die Auszüge des Textes an dieser Stelle nichts einzuwenden hat. Ich kann nur jedem empfehlen, sich die CD und auf ihr diese Ballade in ihrer ganzen Länge anzuhören. Sie ist eine fantastisches  Abbild der immer verdrängten Geschichte der Bahn !

Eisenbahn - Ballade   (Auszüge)

Und durch die Dunkelheit drang
der monotone Klang
der Räder auf dem Schienenstrang
ein einsamer Gesang den stählernen Weg entlang.

Vorn an der Trasse standen sie, die Haut wettergegerbt.
Mit ihren Spaten hatten sie Adern ins Land gekerbt,
mit Hacken und Hämmern hatten sie Berge bewegt
und Schwellen über Schotter und darauf Schienen gelegt.

Und bald fauchte das Dampfross funkensprühend durch das Land.
Manch neue Industrie und manch Imperium entstand,
manch unschätzbarer Reichtum, doch an jedem Meter Gleis
jeder Brücke jedem Tunnel klebten Tränen, Blut und Schweiss.

Die Eisenbahn trug Fortschritt, technische Revolution
in jedem Winkel bis in die entlegenste Station
trug Güter von den Seehäfen bis an den Alpenrand,
verband Menschen und Städte und trug Wohlstand in das Land.

Doch der grossen Erfindung haftet stets die Tragik an
dass sie dem Frieden, aber auch dem Kriege dienen kann
Endlose Rüstungszüge rollten bald schon Tag und Nacht
Kriegsgerät und Kanonen waren die vordringliche Fracht.

Schon drängte sich auf Bahnhöfen siegesgewiss das Heer,
den Jubel auf den Lippen mit Blumen am Gewehr,
in Fahnen- und Siegesparolenbehangene Waggons
nach Lemberg oder Lüttich, nach Krakau oder Mons.

Im Trommelfeuer von Verdun erstarb der Siegeswahn,
aus Zügen wurden Lazaretts, und diesmal sah die Bahn
den Rückzug der Geschlagenen und - den Kriegsherren zum Hohn
im Waggon im Wald von Compiègne, die Kapitulation.

Aber es spross auch aus den Wirr´n verstrickter Politik
der zarte schutzbedürft´ge Halm der ersten Republik
Doch Kleingeist, Dummheit und Gewalt zertrampelten ihn gleich
mit Nagelstiefeln auf dem Weg ins tausendjährige Reich.

Die Unmenschen regierten und die Welt sah zu und schwieg.
und wieder hiess es : “Räder müssen rollen für den Sieg !”
und es begann das dunkelste Kapitel der Nation,
das dunkelste des Flügelrades : Die Deportation.

In Güterwaggons eingeschlossen, eingepfercht wie Vieh
verhungert und verzweifelt, nackt und frierend standen sie,
hilflose Frauen und Männer, Greise und Kinder sogar,
auf der bitt´ren reise, deren Ziel das Todeslager war.

Dann aber brach der Zorn der Gedemütigten herein,
kein Dorf blieb verschont, da blieb kein Stein auf einem Stein
und Bomben fielen, bis das ganze Land in Flammen stand,
die Städte ausradiert waren, und der Erdboden verbrannt.

Und immer längere Flüchtlingstrecks kamen Tag für Tag
und irrten durch ein Land, das unter Schutt und Asche lag
Der Überlebenswille zwang sie nicht zu resignier´n,
die Aussichtslosigkeit, das Unmögliche zu probier´n.

Noch aufzuspringen, wenn irgendwo ein Hamsterzug ging,
wenn an den Waggontür´n schon eine Menschentraube hing.
Ein Platz auf einem Puffer, einem Trittbrett bestenfalls
mit Hoffnung auf ein bisschen Mehl, Kartoffeln oder Schmalz.

Was auf dem Bahndamm lag, wurde von Kindern aufgeklaubt,
manch ehrlicher Mann hat manchen Kohlenzug beraubt.
Und dann kamen die Züge mit den Heimkehrern besetzt,
verwundet und zerschunden, abgerissen, abgewetzt.

Wie viele Dramen spielten sich auf Bahnsteigen ab !
Suchen und Freudentränen, wo´s ein Wiedersehen gab.
Warten, Hoffen und Fragen, wird er diesmal dabei sein ?
Viel kamen vergebens, viele gingen allein.

Zerschoss´ne Loks und Wagen wurden recht und schlecht geflickt
und auf ein abenteuerliches Schienennetz geschickt.
Und der Puls begann zu schlagen und aus dem Nichts entstand
mit Hoffnungen und Träumen beladen, ein neues Land.

Der Adler, der Fliegende Hamburger, die preussische P8,
und die sagenumwobene 05 fauchten vor mir durch die Nacht.
Ein Gegenzug auf dem Nachbargleis riss mich aus den Träumen heraus.
Ein Blick auf die Uhr, Zehn Minuten nur, und zum Frühstück wär´ ich zu Haus.


Danke, lieber Reinhard Mey, dass ich an Deinen Träumen teilhaben durfte. Besser hätte ich zur Geschichte meiner geliebten Eisenbahn nun wirklich
 nicht formulieren können.
Danke auch für den musikalischen Genuss beim Anhören der Ballade!